Relaunch von der Kleiderstange. Mit einigen Haken.

Hertie ist jetzt Online-Shop.

hakenMeldung zum Wochenstart: Hertie ist wieder da! Als Online-Shop.

Meine erste Stirnfalte knickt schon vor dem Klick zur Meldung ein.

Der Name Hertie …

wurde im August 2012 von den Unternehmern Nils und Jan Klöker aus Osnabrück aus der Konkursmasse herausgekauft, um ihn künftig für einen Online-Shop zu nutzen. Einen bekannten Markenamen wiederzubeleben kann ja durchaus Sinn machen – sofern das zugehörige Image förderlich fürs neue Vorhaben ist. Und Hertie steht wofür?

Also ich habe beim Namen Hertie ein staubiges Gefühl an den Fingerspitzen und einen bitteren Nachgeschmack bei der Erinnerung an die letzten Schlagzeilen aus dem Jahre 2008, als das Unternehmen nach langem Wanken letztlich pleite war und rund 2.600 Mitarbeiter ihren Job verloren. Das Gefühl mag bei anderen nicht mehr so präsent sein. Sicher aber ist, wofür Hertie NICHT steht: Onlinekompetenz.

Die Positionierung.

Bevor ich weiter Stirnfalten sammele, lese ich erst einmal artig, was mir die Pressemitteilung zur Strategie verrät.

Das Sortiment? Dies und das! Oder anders gesagt: 500.000 Artikel aus dem Bereich Haushaltswaren, Bücher, Geschenkartikel, Heimtextilien und Spielwaren. Wettbewerbsfaktoren? Übersichtlichkeit und Null-Prozent-Finanzierung für wechselnde Angebote. Öhm? Ach ja: Und Budget für TV-Offensiven wie konkurrierende Marktteilnehmer habe man nicht. Macht ja nichts! Bekanntheit im Online-Handel ist ja… ach egal.

Zwischenfazit: Kein ersichtlicher Nutzen aus der Altmarke heraus, keine aktuelle Differenzierung zu Amazon, Ebay, Otto  und Co. Und: zwei neue Runzeln auf meiner Stirn!

Aber vielleicht verrät uns ja …

der Claim …

wohin die Reise gehen soll. Der ruft uns munter zu: „Viel Spaß beim Einkaufen!“
Bäh! Jetzt habe ich den Staub auch auf der Zunge und höre die rostigen Drehtüren der leerstehenden Kaufhäuser quietschen.

Gut. Dann schauen wir uns diesen Spaß mal an!

Der Online-Shop.

Die Gebrüder Klöker bekunden in der Pressemitteilung, sie machen fehlendes Werbebudget mit geballter E-Commerce-Kompetenz wett. Über 20 Online-Shops führen sie nach eigenen Angaben. Ich greife zum Smartphone und klappe den Kiefer auf. Hertie macht online. Aber so gar nicht mobil. Auf diesem Gebiet bin ich ganz bestimmt kein Profi (und lasse mich gerne von solchen belehren), aber ich finde unbedienbare Filtermöglichkeiten und auch sonst wird mir der Einkauf weder außergewöhnlich bequem noch spielerisch attraktiv gemacht.

Nun: Wenn nichts mehr geht, geht ja immer noch billig!

Ich suche spontan nach einer Kamera, für die wir uns interessieren und zu der wir in den letzten Tagen entsprechend preiskundig wurden. Große Pupillen starren auf das Angebot: Das ist bei Hertie mit über 700 Euro fast 200 Euro teurer als im Facheinzelhandel in der Fußgängerzone.

Und nun? Fällt auch mir nichts mehr dazu ein!

Herrje Hertie! – Von welchem Wühltisch stammt dieses Konzept?

PS: Ich würde ja sagen: Ein wenig Online, der Rest ist Brei.
Aber das hat schon vor einem Jahr jemand sehr viel schön visualisiert, als das neue Logo bekannt gegeben wurde:

logospaß

 

 

 

 

 

 

 

(Endlich Lachfalten! Danke dafür an JdB – Der Einzelhandelsblog)

6 Gedanken zu „Relaunch von der Kleiderstange. Mit einigen Haken.

  1. naja wie erfährt der geneigte Konsument in der heutigen Welt von etwas? Richtig: WERBUNG! …

    habe das ein bisschen verfolgt, aber wo stand da, dass Hertie vor hat keinerlei Werbung zu machen? TV Werbung ist für nächstes Jahr geplant hat laut Presse.
    Aber es gibt ja noch anderes ausser TV oder?

    • Nun, sie reden von „wenig Budget“ im vergleich zur Konkurrenz. Das wird allerdings das kleinste Problem sein. Hätten sie einen echten Wettbewerbsvorteil zu bieten (den kann ich nur leider noch nicht sehen), braucht es heutzutage auch nicht zwangsläufig klassischer Kommunikationskanäle. Das Fatale erscheint mir hier die Anhäufung der fehlenden Marktreife in vielen Bereichen.

  2. Die Marke „Hertie“ ist bekannt. Daher kann man sich an sie erinnern.
    In welchem Zusammenhang ist egal.
    Dies ist ein Vorteil beim Launch eines Onlineshops für Wasauchimmer.
    Weil man sich dran erinnert und somit eher drauf klickt.
    Allein nur um mal zu wissen, was die jetzt so machen.

    Die Betreiber sparen sich hiermit also die Notwendigkeit von Markendurchdringung komplett.
    Das ist kein Vorteil?

    „Guck mal in den Onlineshop von Hertie.“
    versteht man das nicht sehr viel besser als
    „Guck mal in den Onlineshop von Rudawa“ (3-silbiger Fantasiename – voll im Trend!)?

    Da muss man schon große Scheuklappen anhaben um den Wettbewerbsvorteil nicht zu erkennen.

    Beispiel:
    Super feministisch werbende DOVE (die sanfte Taube) und super maskulistisch werbende AXE (die stählerne Axt)
    – beides Unilever

    Würden sich die beiden unterschiedlichen Zielgruppen genau so angesprochen fühlen, wenn beides unter „Unilever“ verkauft würde?

    Würdest du eher bei Rudawa oder Hertie reinschauen?

    Grüße

    • Nein, ein schlechter Fantasiename ist sicherlich keine Alternative. Ja, die Betreiber sparen sich die Bekanntmachung. Nicht aber eine neue Markenstrategie und die zugehörige Umpositionierung in den Köpfen der Verbraucher. Und die fehlt. Oder dringt bisher nicht durch.

      Zum schnellen Klicken gibt es wesentlich bekanntere Marktteilnehmer. Und nur weil ich mal klicke um zu schauen, kaufe ich noch lange nicht. Insbesondere nicht, wenn man mir dann das Online-Shopping nicht mindestens so bequem wie woanders gestaltet oder spannender über irgendeinen Zusatznutzen/Spaßeffekt – und schon gar nicht, wenn sie dann auch noch teuerer sind als der Facheinzelhandel oder andere Onlineanbieter.

      Was das nun alles mit der Einzelmarkenstrategie von Unilever zu tun hat, bleibt mir verschlossen. Hier geht es um differenzierte Marktbearbeitung verschiedener Zielgruppen und messerscharfe Positionierung für diese. Natürlich geht das nicht unter dem Herstellerdach! Diese Strategie gehen alle großen Konzerne, deren Produkte heterogen sind und kein einheitliches Markenversprechen abgeben können.

      Hertie ist Einzelmarke und verspricht der Masse Spaß. Mit bunten Lettern im Logo und einem staubigen Claim. Das ist ungenügend.

      Und: Nur weil es noch schlechtere Namen oder Strategien geben könnte, ist die bestehende nicht besser.

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