Sherlock – Auf der Spur einer faszinierenden Retro-Marke

Foto: ARD Degeto / BBC / Hartswood Films

Ich mag ihn! – Den neuen Sherlock, der uns derzeit sonntags aus unseren deutschen Fernsehsesseln heraus in seinen Bann zieht.

Es gab mehrere hundert Versuche im letzten Jahrhundert, die Romanfigur von Arthur Conan Doyle wieder zu beleben – darunter erfolgreiche und misslungene Reanimationen – die ich allesamt persönlich nicht verfolgt hatte.

Die preisgekrönte BBC-Neuverfilmung, mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman, begeistert mich, und sorgt auch in meinem Umfeld für Aufsehen und Gesprächsstoff. Die Serie fasziniert die Menschen – und sie rührt an ihren Synapsen auf ähnliche Weise, wie es erfolgreiche Relaunches von Retro-Marke tun.

Wer ist den beiden eigenwilligen Romanfiguren nicht schon früher begegnet – auf Buchpapier oder der Fernsehscheibe. Erinnerungen werden aus dem Tiefschlaf geküsst, wie das auch ein Brauner Bär von Langnese macht, wenn man ihn heute – in Gedanken an die Freibadzeit aus Schulferientagen – vernascht.

Zwei Spürnasen fanden den richtigen Weg für einen erfolgreichen Relaunch.

Die Serienmacher Steven Moffat und Mark Gatiss reaktivieren das alte „Produkt“, verzichten dabei aber auf die Nostalgie.  Sie verlegen die Geschichte radikal ins heutige London. Altbewährtes wie Pfeife und karierter Umhang verschwinden. Stattdessen wird mit Notebook und Handy ermittelt. Auch der Style der Filmproduktion, im Sinne von Erzähldynamik, Kamera, Special Effects, holt die Geschichte in unser Hier und Heute.

Gut so. Denn wer Spaß am Retro-Design eines BMW Mini hat, möchte trotzdem nicht auf die neuen Errungenschaften und Gewohnheiten verzichten, die ein heutiges Automobil mit sich bringt.

Und trotzdem bleibt der Kern der beiden Kunstfiguren gewahrt, der die Faszination damals wie heute ausmacht. Der soziopathische Holmes sammelt mit überdurchschnittlicher Auffassungsgabe Indizien und kombiniert hoch intelligent, während sein kongenialer und treuer Partner Watson für die gesunde Portion (Mit-) Menschlichkeit und Bodenhaftung sorgt.

Genau dieser Spagat ist VW damals leider nicht gelungen, als der Beetle aufgefahren wurde. Die von vielen ersehnte und erhoffte Anlehnung an die Positionierung des Käfers im Sinne eines  sympathischen Kleinwagens für das breite Volk blieb aus. Stattdessen wurde ein überteuertes Lifestyle-Produkt auf die Händlerhöfe gerollt und blieb dort auch eine ganze Weile ungeliebt stehen.

Übrigens: Nicht alles, was alt ist, ist auch Retro.

Retro-Marken sind zweitweilig aus den Köpfen der Menschen verschwunden (aber trotzdem in Erinnerung geblieben) und tauchen plötzlich wieder aktiv auf.

In Abgrenzung dazu sind traditionelle Marken wie Persil oder Nivea quasi retro-resistent, weil sie sich durch Jahrzehnte hinweg stets zeitlos-aktuell gehalten haben.

Oder anders: Der aktuelle Sherlock ist ein fantastischer Relaunch einer Retro-Marke und der Tatort eine solide deutsche Traditionsmarke.

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