Buchrezension: „Bekenntnisse eines Redners“ von Scott Berkun

Das erste Mal.

Die erste Buchrezension auf meinem Blog hat ihren Ursprung in der Entdeckung eines schönen Projektes: Blogg dein Buch. Ein spannender Marketing-Ansatz für Verlage, so finde ich. Meine neugierige Nase schnüffelte also weiter und stieß dann spontan auf einen verlockenden Buchtitel: „Bekenntnisse eines Redners“.

Also wurde angemeldet, ausgewählt und abgewartet. Die Büchersendung kam rechtzeitig, um als Urlaubslektüre im Koffer zu landen. Nach etwas Zeit am Meer (und mehr Zeit als im Alltag) waren die rund 200 Seiten schnell inhaliert.

Zwei persönliche Erwartungen.

Eine Rezension ist selbstredend subjektiv. Und die Bewertung zu großen Teilen davon abhängig, was der Leser vom Buch erwartet hat. Also ein kurzer Hintergrund zu meiner Motivation und Nutzenerwartung an das Werk:

Seit 1999 bin ich als Beraterin für Markenstrategien tätig, und seit 10 Jahren Dozentin für Marketing. Man sollte also meinen, dass das Präsentieren und Reden vor Leuten kein Problem für mich darstellt. Und ich ergänze: Es bereitet mir sogar Freude! Warum also dieses Buch, das in seiner Cover-Beschreibung tendenziell diejenigen anspricht, die sich davor fürchten?

Motiv 1: Ich wurde mit 28 Jahren erstmalig und ohne Anleitung mit einem Lehrauftrag vor Studierende gestellt und habe über die Zeit intuitiv (zu Beginn mithilfe der noch frischen Erinnerungen an die eigene Studentenzeit) das Reden vor Studentenkursen erlernt. Damit mir (und den Studierenden) das nach einem Jahrzehnt noch immer Freude bereitet, bin ich stets und aktiv auf der Suche nach Impulsen und neuen Wegen für meine Vorlesungen.

Motiv 2: Die Vorstellung vor einer großen, anonymen Masse zu sprechen, bei der die Interaktion mit der Gruppe weitgehend verloren geht, bereitet mir nach wie vor feuchte Hände und Panikpupillen.

Kann mir der Autor Scott Berkun zu diesen beiden Motivationen Nützliches bieten?

Äußerlichkeiten.

Als Liebhaber außergewöhnlichen Buchdesigns und liebevoller Typografie macht die Buchgestaltung auf mich tendenziell einen sehr nüchternen Eindruck. Sachlich. Ein Fachbuch eben.

Der Titel ist – aus meiner Sicht als Werbetexter – eine „handwerklich“ ordentliche Leistung. Er zupft an der Neugier und schwört mit „Bekenntnisse eines Redners“ ehrliche und persönliche Worte eines Profis herbei. Der Untertitel „Die Kunst, gehört zu werden.“ verspricht Tipps und Werkzeuge, die effektives Reden erlernbar machen.

Alles drin! Und was ist dran?

Die inneren Werte.

Aufgeschlagen, eröffnen sich 10 Hauptkapitel, die Spannendes (z.B. „Der Angriff der Schmetterlinge“) und Praktisches (u.a. „Vom Umgang mit schwierigen Räumen“) erwarten lassen.

Im kurzen Prolog wird dem Leser „die Wahrheit“ angekündigt, fast schon angedroht. Nun denn, die verkrafte ich, sage ich mir…

Zu Beginn seziert Scott Berkun penibel, was uns emotional Ängste vor dem Reden macht und entkräftet diese rational Stück für Stück – oder wendet diese durch raffinierte Argumentationsketten gleich ganz zum Positiven.

Der wichtige und sicherlich etwas bittere Teil der angedrohten „Wahrheit“ wird uns bereits im zweiten Kapitel serviert: Das Geheimnis einer guten Rede liegt im Üben und gezielten Optimieren. (Schon fühlt man sich ein wenig ertappt. Auch wenn ich tendenziell dazu neige, mich eher übertrieben vorzubereiten, so erliegt man insbesondere als routinierter Dozent hier und da der bequemen Auffassung, sich das Üben bei inhaltlichen Änderungen ersparen zu können und spürt – zu spät – dass es doch geholfen hätte, engagiert aufbereitete Inhalte viel wirkungsvoller zu präsentieren. Und wie oft werden wir alle Zeuge ungeübter Vorträge, die an Technik und inhaltlichen Übergängen stolpern?!). In den Worten von Scott: „Wenn Sie zu faul zum Üben sind, müssen Sie damit rechnen, dass das Publikum zu faul ist, Ihnen zu folgen.“ Wie wahr!

Es folgen – eingewoben in Erzählungen aus seinem langjährigen Dasein als Redner – jede Menge praxisnahe Tipps zum Umgang mit unterschiedlichen Raumsituationen, mit Störfaktoren und Störenfrieden, zur Interaktion mit dem Publikum, zum Einholen und Bewerten von wertvollem Feedback und, und, und … Insbesondere Kaptiel 6 „Die Kunst, nicht zu langweilen.“ hielt für mich praktische und nachvollziehbare Inspirationen bereit.

In Kapitel 9 „Die Kupplung ist dein Freund“ wird die besondere Situation des Lehrens in Augenschein genommen. Denn was bei 10- und 20-minütigen Sprint-Vorträgen funktioniert, wird bei vierstündigen Vorlesungen zum atemlosen Marathon. Denkansätze und Impulse zum Lehren liefert der Autor entlang einer Geschichte aus seiner Jugend. Auch hier Bekanntes, Vertiefendes und auf den Punkt Gebrachtes, sowie kleine und feine Kniffe, die zum Ausprobieren verlocken.

Im letzten Kapitel feuert der Autor seine Bekenntnisse als Redner ab und streut großzügig Empfehlungen (auch zu weiterführender Literatur, Reden und Filmen). Dort trifft man zudem auf Wunschüberlegungen zu einem alternativen Ansatz der Honorierung von Rednern (der durchaus auch wünschenswert für Dozenten wäre).

Im Anhang überrascht Scott Berkun noch mit einer gewichteten Bibliografie und einer humorvollen Danksagung.

Alles in allem liest sich der Stoff zügig, entspannt und vergnügt. Das liegt an einer ungestelzten Sprache und der bekömmlichen Mixtur aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, persönlichen Anekdoten und praktischen Tipps und Checklisten. Mir hat es geschmeckt!

Mein Nutzen in Worten des Autors.

„Die meiste Zeit über wissen Sie bereits, was Sie wissen müssen. Manchmal wissen die Zuhörer […] vieles von dem, was ich weiß. In diesen Fällen liegt mein Wert darin, sie an eine alte Idee zu erinnern oder diese in einen neuen Kontext zu bringen.“

Ein Buch muss – genau wie ein Vortrag – nicht zwangsläufig neue Ideen haben, um von Wert zu sein. So auch dieses für mich. Und obendrauf gab es eben doch schöne Ansätze, die die eigenen Erfahrungen wertvoll auffrischen und ergänzen.

Der Nutzen für andere in meinen Worten.

Für den Leser, der bisher wenig bis keine Berührung mit Vorträgen hatte, steckt das Buch voller Ratschläge, ohne dass diese von oben herab referiert werden – Humor und Selbstironie machen sie authentisch und annehmbar. Nach meiner Einschätzung und im Abgleich mit den eigenen Erfahrungen finden sich in diesem Werk für jeden praxisnahe und umsetzbare Anregungen – für Vorträge, die beiden Seiten Spaß machen; dem Redner und dem Publikum. Und dann gilt für jeden: Üben!

Erfüllung gefunden?

„Die Bekenntnisse eines Redners“ werden nach Abschluss dieser Rezension in das Regalfach einsortiert, in das ich greife, wenn ich neue Impulse für die Aufbereitung und Überarbeitung meiner Vorlesungen oder Kundenpräsentationen suche.

Ein Vortrag vor ein paar hundert Leuten würde mich weiterhin in Schnappatmung versetzen. Nach dieser Lektüre würde ich allerdings den viel zitierten Rat ignorieren, mir das Publikum nackt vorzustellen, um die Nervosität zu lindern. Auch ein Gewinn für alle Seiten, oder?

Beim Verlag O’Reilly bedanke ich mich herzlich für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Wer die Schmetterlingen aus seinem Rednerbauch befreien möchte, findet den passenden Schlüssel vielleicht hier.

PS: Ich vermute, eine Buchrezension könnte und sollte wohl kürzer ausfallen. Da hilft nur eines: Üben! Dann stöbere ich mal bei Blogg dein Buch nach neuem Lesefutter und Trainingsmaterial…

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