Good Vibrations?

Ein Interview schwingt nach.

Amir Kassaei und Ibo Evsan haben kürzlich über die Zukunft von Arbeitsprozessen, Work-Life-Balance und die Bedeutung von Crowdsourcing im Agenturumfeld diskutiert. Diese Interview (via Crowdsourcingblog.de) hat spontan an einem meiner Nerven gezupft. Und zwar an jenem, den ich mir in der klassischen Agenturwelt wund gerieben hatte – und schließlich der Anlass dafür war, selbiger den Rücken zu kehren.

Das hatte ich satt:

  • Anwesenheitsschlümpfe statt Ergebnistriumphe
  • kränkelndes Mittelmaß im Huckepack statt fiebrige Leidenschaft im Multipack
  • interne Reviermarkierung statt gemeinsame Projektorientierung
  • Tiertrophäen statt Markensaat

Darauf war ich hungrig:

  • Projekte, die mich persönlich jucken und über eigene Grenzen treiben
  • eng an Ideen und Entscheidern agieren
  • mich mit Querdenkern aus anderen Disziplinen reiben
  • frei von starren Zeitkonstrukten denken und arbeiten

Damals!

Manche Kollegen (hauptsächlich die weiblichen) haben mich mit einem milden bis mitleidigen Lächeln verabschiedet. Andere Kollegen (vorwiegend männlich) haben mich für verrückt erklärt, weil ich eine geradlinige Karrierespur mit rosigem Horizont und Sicherheit verlasse. Und ich? – fühlte mich endlich nicht mehr verrückt und habe ein gläsernes Frankfurter Foyer breit lächelnd verlassen.

Heute?

Mit Sicherheit glücklicher! Die Kunden sind keine Weltkonzerne mehr. Die Kohle ist nicht zuverlässig per Lastschrift auf dem Konto. Aber eine Last ist weg. Und die unbändige Freude an meinem Beruf zurück. Bereichernd! Für Inspiration und Ideen, die Beziehungen zu meinen Kunden und – das ganz persönliche Glück.

Und dann kommt die Überraschung: Man trifft auf andere wund geschubberte Talente, die aus konservativen Agenturstrukturen ausgebrochen sind. Und man findet sich zusammen, wo es passt: bunt werden Begabungen projektweise kombiniert, man arbeitet und kommuniziert unabhängig von Stechuhren und Wochentagen. Überstunden gibt es in dieser Welt nicht. Denn die Zeit zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt. Das Empfinden zwischen Arbeiten und Leben aber auch! Arbeit ist (wieder) ein Teil von „leben“.

Morgen?!

Im erwähnten Interview hört man von einem Umdenken in Unternehmen. Von Agenturen, die einer neuen Generation und einem anderen Denken kreative Freiräume schaffen müssen, in denen Ideen statt Überstunden Wertschätzung finden… Welch frohe Botschaften!

Für meine Generation war es als Berufseinsteiger ein Segen, in die Agenturwelt einzutauchen. Da staunt man dann nicht schlecht, wenn einem heute die eigenen Studierenden (insbesondere die augenscheinlich brillanten Köpfe) bereits nach ihren ersten Praktika selbstbewusst verkünden, dass das nicht die Vorstellung ihrer Zukunft ist. Agenturen werden solche Köpfe künftig also bestenfalls nur noch kurze Zeit nutzen und ausnutzen dürfen. Oder sie denken eben um und ändern ihre starren Strukturen.

Ich hab‘ meine eigene Welt gesucht und gefunden. Amir Kassaei versucht sich daran, ein weltweites Agenturkonstrukt umzukrempeln. Ich mag ja vielleicht verrückt sein. Er ist ganz sicher wahnsinnig. Und das ist gut so.

Der Nerv ist gezupft. Die Hoffnung vibriert.

PS: Ich mach derweil mal weiter wie bisher. Umdenken unnötig.

12 Gedanken zu „Good Vibrations?

  1. Ich komme zwar nicht aus dem Agenturbereich, aber hab eauch immer meine Probleme damit gehabt, wenn es Firmenintern nur noch um Politik, Ränkespiele und Machtinteressen ging. Respekt und Hochachtung vor Ihrem Schritt und für die Zukunft weiterhin alles Gute.

    • So ein Schritt bedarf in meiner Wahrnehmung allem voran Selbstachtung. Ehrliche Antworten auf die Fragen: Wie möchte ich arbeiten? Wie möchte ich leben? Ich habe viele jammern hören, die schon vor mir in Agenturen saßen und es heute noch immer tun. Weiter jammernd…

  2. Wenn Leute um-denken und ihr “eigenes Ding“ machen, ist das immer Super!
    Nur, ist das nicht neu und ein Umdenken gibt es auch nicht!
    Es gibt viele, die auf solche lächerlichen Dinge wie Crowdsourcing draufspringen – ohne zu merken, daß es kompletter Bullshit ist.
    Gerade im Bereich der “großen Ideen“, der brillanten Dinge, der Kunst, Musik und Literatur hat es noch nie -und wird es auch nie- Crowdsourcing geben. Punkt.
    Es gab Millionen Menschen, die schon mal einen Bleistift in der Hand hatten. Und
    es gab auch genügend Leute, die schon mal an einem Klavier gesessen und/oder einen Pinsel in Ölfarbe getunkt haben. Phänomene wie Kant, Beethoven und Chagall werden aber deshalb niemals “gecrowdeten“ werden können!

    Und der gute Amir, tja, das ist ein kleines Schlitzohr, der noch nicht eine einzige große Sache gemacht hat – aber andauernd davon redet. Guter Trick! Es gibt sicherlich Idioten, die einen, der dauernd von Innovation schwafelt, für Innovativ halten.
    (Wobei, die Sache mit seinem Ego-Branding macht er wirklich brillant.)

    • Was hat Reklame mit Kunst zu tun? Wenn Reklame den auftragspendenden Kunden zu befriedigen hat, besteht die Kunst zuvörderst darin, dessen Bedürfnisse zu erkennen und möglichst hundertprozentig zu befriedigen – auch, wenn das bedeutet, dass der Auftraggeber erneut intensiv über sein Produkt nachdenken muss bevor es weitergehen kann.
      Leider ignorieren viele Arbeiter in dieser Branche, dass das Ziel nicht die Befriedigung des eigenen Drangs zur künstlerischen Selbstverwirklichung ist, sondern dass sie einzig der Bewerbung von Produkten und Dienstleistungen dienen.
      Am meisten ärgere ich mich allerdings über Ihre Dänemark-flache Aussage, dass Crowdsourcing „lächerlich“ sei. Fehlt da vielleicht Hintergrund-Information?
      Ich lasse mich gerne belehren, warum ein Kreativprozess, der in einem Agenturumfeld stattfindet, wertvoller sein soll als einer, der durch ein zur Aufgabe passend zusammengestelltes Team erarbeitet wurde. Denn so verstehe ich Ihre Aussage.

    • Bei solchen absoluten Aussagen mit Betonung auf „Bereich der “großen Ideen“, der brillanten Dinge, der Kunst, Musik und Literatur….“ kommt mir immer der Verdacht, dahinter steht so eine Art Elitentum-Ideologie, die da sagen möchte „Ihr dummen Gutmenschen, wollt Euch brav an die Hände nehmen und die Augen verschließen vor der rauhen knallharten Realität.“ (Da steht der @King of Denmark nicht allein mit seiner Meinung)
      Mag sein, dass ich Polemik mit Polemik beantworte.

      Niemand, der sich optimistisch zu Crowdsourcing äußerst, plädiert für Gleichmacherei und das Ende individueller Spitzenleistungen.
      Der Seitenhieb auf Amir Kassaei („…nicht eine einzige große Sache gemacht…“) ist eine Bewertung ohne erkennbaren Kontext. Ab wann kann man eine Sache als eine „große Sache“ deklarieren.

      Vielleicht ist @King Of Denmark aber auch Sasch Lobo, der sich unter Pseudonymen der Troll-Forschung hingiebt.

  3. Ha – offensichtlich mal ein guter Add bei Twitter 😉 Da sind wir wohl geistesverwandt.

    Was Kassei angeht, bin ich beim Kanzler aus Dänemark (und nur bei diesem Punkt). Alles was er erzählt stammt nicht von ihm – und noch nicht einmal hat er eine Quelle genannt. Früher nannte man sowas Hochstapler…

  4. @Jason “Was hat Reklame mit Kunst zu tun?“
    Sehr viel! Wobei ich “Kunst“ hier nicht als Genre-Begriff, sondern als Qualitätsbegriff gemeint habe. Und jemand wie z.B. Spiekermann, ist für mich -nicht nur als Typograph- ein Künstler, der es versteht Qualität zu erzeugen.
    Das “Relevanz“ und “ Crowdsourcing“- Geblubber ist doch einfach nur, ja, Geblubber eben. Was ist schon relevant? Wir arbeiten in einer Branche der “zynischen Künstler“, die sehr genau wissen, daß sie für Kohle Schrott erzählen!
    Daß z.B. Coca-Cola Premiumpartner des DFB ist und überhaupt im Sportumfeld wirbt, ist eine Groteske sondergleichen.
    Jeder, der ein Leistungszentrum (egal ob Fußball oder Leichtathletik) von innen kennt, weiß, daß den Nachwuchs-Athleten da auf große Schautafeln eingebimst wird, daß Coca ein no-go ist.
    Daß der Einsatz von Veronica Ferres als Testimonial für Diaderm (Henkel), den Umsatz um 30% gesteigert hat ist bekannt, ebenso der Einsatz von Dieter Bohlen für den “Ossi-Brand“ »Camp David« – (60% Plus).
    Das ist Handwerk.
    Das ist messbar.
    Das ist bekannt.
    Das ist professionelle Arbeit – im Sinne des Kunden.

    Daß sich keiner eine Armani-Unterhose kauft, weil ihm an den Eiern friert, ist ebenso keine revolutionäre Erkenntnis. 😉

    Was mich alleine stört, ist die Tatsache, daß Leute mit Begriffen hausieren gehen, die, wenn man genau hinschaut, nichts als -Danke @Michael- Hochstapelei und Dummfug sind. Denn -um beim Thema zu bleiben – die DDB/Amir Kassaei haben ja z.B. die wirklich absurde Leistung hingelegt, daß sie mit ihrer EasyTone Kampagne für Reebok erreciht haben, daß Reebok der Brand von häßlichen Weibern geworden ist.
    Das Versprechen, “trage EasyTone-Schuhe von Reebok und deine Oberschenkel und dein Po werden straff“, führte unweigerlich dazu – zu besichtigen in allen Fußgängerzonen und Fitness-Centern, daß sich die unförmigsten “Brote“ von diesem Versprechen, wie die Fliegen, angezogen fühlten. Ergebnis: Nicht die frischen, straffen und appetitlichen Mädels tragen Reebok, sondern die feistesten Schwabbelkühe.
    Ass-Vertising nennt man sowas. (Wie führe ich einen Top-Brand behutsam an die 9Live-Klientel ran? So war doch das Briefing – oder?)
    Ich glaube Hermes oder Chanel wäre das nicht passiert. Und daß sich solche Leute dann hinstellen und von Paradigmenwechsel, Relevanz usw. usf. faseln – sorry, da geht mir das Messer in der Tasche auf.

    • Woher kommt nur so viel Geifer-Energie?
      Die Werbebranche kann ein Beobachter aus verschiedenen Perspektiven (aus dem Zentrum, der Persipherie oder von außerhalb) ganz verschieden interpretieren. Und für jede Meinung finden sich Beispiele zum Beweis.

      Niemenden und keiner Sache ist damit gedient, wenn man mit negativem Übereifer daherkommt.

      Was ist also Deine Motivation lieber King? Persönliche Schmutzwäsche oder Leichen im Keller wäscht man doch nicht in Pseudonym-Verkleidung. Oder verstehe ich ein elementares menschliches Bedürfnis nicht?

  5. @Wer auch immer von Dänemark oder Buxtehude:
    1. Man sollte wissen wovon man redet, bevor man es kund tut.
    Wenn du die marke Reebok und ihre Strategie nicht verstehst, kann ich dir
    gerne behiflich sein.
    2. Was das Thema Open source angeht, verhält es sich ähnlich. Es geht nicht darum den crowd alles machen zu lassen. Sonden darun in der welt von heute die richtigen Talente und experten an die jeweils richtigen probleme und aufgaben zu setztn und dazu muss man nicht mehr alles exklusiv ubter einem Dach haben.
    3. Jede Diskussion hat eine Kultur die man zu respektieren hat. Wenn dir inhaltliche Argumente ausgehen, dann wird deine Unart zu pöbeln die fehlende Substanz nicht kompensieren. Wenn wir Dich ernst nehmen sollen, dann bring etwas ein, das überrascht, neu ist oder eine neue perspektive auffwirft.
    Danke.

  6. Die beschriebenen Ansätze (siehe oben) finde ich gut. Wenn der Anreiz die Zufriedenheit ist, dann erfahre ich Beachtung, Respekt und Anerkennung für das , was ich mache.
    Die angesprochenen neuen Netzwerke (Open Source) sollten dann aber auch tatsächlich offen sein, auch für Menschen, die nicht aus dem Agenturbereich kommen. Da wäre ich sofort dabei.

    Angemerkt sein noch, dass auch einFussball-Trainer mitnichten ein guter Fussballer gewesen sein muss um die Strategie vorzugeben oder neues umzusetzen 😉

    • @Raoul Das Modell der think tanks zieht zunehmend auch in unsere Branche ein – und mit ihm die branchenfremden Mitdenker! Ein bereichernder Ansatz, der – wo immer Werber das wünschen – zu einem neuen Rollendenken führt: Weg vom „TV-Spot-Konzeptioner“ hin zum umfassenden und begleitenden Berater von Unternehmen. Also in meinem Umfeld bist du als Branchenfremdling gerne mittendrin statt nur dabei. 🙂

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