Handel handelt auf neuen Wegen. Kunde spart Laufwege.

Das Experiment:

Der Lebensmittelhandel in Deutschland testet derzeit eifrig ein neues Vertriebskonzept: den Drive-in-Supermarkt. Und so geht’s:  Der Kunde bestellt im Internet unter www.real-drive.de seine gewünschten Waren. Zu einem frei wählbaren Termin (ab zwei Stunden nach Bestellung) kann er diese dann fertig gepackt am Drive-in-Schalter abholen. Auf Wunsch werden die Einkäufe direkt in den Kofferraum geladen. Die einzigen Mehrkosten: 1 Euro Servicegebühr. Ansonsten sind die Preise mit denen eines normalen Real Supermarktes vergleichbar.

Für alle, die es cineastisch erleben möchten: Real Infofilm

Rewe experimentiert ebenfalls seit einem halben Jahr mit diesem Vertriebskonzept in einem Markt in Köln: Rewe Express

Der kleine Unterschied:

Real hat im Raum Hannover ein Extra-Gebäude bezogen, das einem Hochregallager gleicht. Dort tragen 20 Mitarbeiter die bestellten Einkäufe zusammen. Dieser Drive-in-Markt wird autark und unabhängig von anderen Real-Warenhäusern betrieben. Darin unterscheidet sich „Real Drive“ von „Rewe Express“ in Köln, bei dem Mitarbeiter die Bestellung direkt im Supermarkt abwickeln.

Die Expertenmeinung:

Experten (von was auch immer) zweifeln an diesem System. Die größtenteils nachvollziehbaren Einwände:

  • Online-Shopping reduziert Impulskäufe (was schlecht für die Rentabilität des Handels ist).
  • Logistikprobleme bei Frischeprodukten
  • Gemüse oder Obst sind eventuell schwerer zu verkaufen, da sich der Kunde die Stücke nicht selbst aussuchen kann.
  • Und dann gäbe es da noch den sozialen Aspekt: Menschen verlassen das Heim und erleben zwischen den Regalen zwischenmenschliche Beziehungen. Beziehungsweise: hier eben nicht mehr…

Meine Meinung:

Keine Expertise, aber mein Verstand zur Sache:

  • Das Drive-in-Konzept liefert echten Mehrwert: Zeitgewinn und Nervenschonung. Keine Kassenschlangen am Freitagabend, kein Marathon durch das Regal-Labyrinth … und kein Grübeln mehr („Hab ich noch Zucker zuhause?“) – nachgucken, klicken, fertig!
  • Endlich Teamwork beim Wocheneinkauf: Frau bestellt online, Mann holt auf dem Heimweg ab. (Für alle Emanzipierten: Klappt natürlich auch umgekehrt.)

Und fern meiner egoistischen Aspekte:

  • Der Handel hat hier eine interessante Chance, seine  Eigenmarken clever in den Verbraucherfokus zu rücken, durch gezielte Sortimentsgestaltung im Online-Shop.
  • Die komplette Internetbestellung für Lebensmittel hat sich bisher als wenig tragfähig erwiesen (zu teuer und umständlich im Versand). Diese Kombination aus Online-Handel und Drive-in könnte endlich ein kleiner Durchbruch für den LEH sein, was die Einbindung des Internets in das Vertriebssystem anbelangt.
  • Dann war da noch der „soziale Aspekt“… Den sehe ich auch, und zwar so:  Statt meine Zeit und Nerven im Supermarkt zu verlieren, koche ich derweil gemeinsam mit Familie oder Freunden zuhause und genieße entspannt ein Gläschen Wein, während andere noch ihre zwischenmenschlichen Abenteuer an der Kassenschlange durchleben.

Noch einer:

Auch Amazon ist inzwischen in den Internet-Lebensmittelhandel eingestiegen. Das Abhol-Konzept von Real und Rewe halte ich aber für Erfolg versprechender. Denn bei Amazon muss man zur rechten Zeit zuhause sein, um die Lieferung entgegen zu nehmen. Beim Drive-in-Konzept entscheidet der Kunde den Zeitpunkt der Abholung selbst.

Finales Plädoyer:

Multi-Channel-Distribution hat das Ziel, verschiedenen Käufersegmente an verschiedenen Stellen und Bedürfnissen entgegen zu kommen. Mir persönlich kommt das Drive-in-Konzept sehr entgegen. Und es hat eine echte Chance, wenn es konsequent und professionell umgesetzt wird. Die Lage ist – wie so oft im Handel – auch hier entscheidend (größere Umwege mit Zeitverzögerungen werden Kunden nicht in Kauf nehmen.)

Der Testlauf soll bis Mitte 2011 dauern. Danach wird entschieden, ob und wie das Angebot auf andere Städte ausgeweitet wird.

Bitte, liebe Konsumenten bei Hannover und Köln: Lasst es wahr werden!

Denn: Fährt der Kunde darauf ab, braucht er künftig nur noch vorfahren und einladen lassen. Ich find’s abgefahren!

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